Montag, 9 Uhr. E-Mail vom größten Kunden: "Bitte füllen Sie den angehängten ESG-Fragebogen aus."
Frist: 30 Tage. Im Anhang: 80 Fragen zu Energie, Arbeitsbedingungen, Korruption.
Keine Ahnung, wo ihr anfangen sollt? Genau dafür ist dieser Artikel.
- 63% der KMU mit 50+ Mitarbeitern erhalten inzwischen ESG-Anfragen von Kunden – fast doppelt so viele wie 2022.
- Ein typischer ESG-Fragebogen enthält 50-200 Fragen in drei Blöcken: Umwelt, Soziales, Governance.
- Die meisten Fragen deckt ein VSME-Bericht ab – ca. 60-80% Überschneidung.
- Nicht antworten ist riskant: 34% der KMU, die nicht liefern, verlieren ihren Lieferantenstatus innerhalb von 12 Monaten.
- Seit dem Omnibus-Paket (Dezember 2025) dürfen Großkunden von Zulieferern maximal VSME-Daten verlangen.
Was steht typischerweise im Fragebogen?
Egal ob der Fragebogen direkt vom Kunden kommt oder über eine Plattform. EcoVadis, IntegrityNext – die Fragen drehen sich um die gleichen Themen.
| Block | Typische Fragen | VSME-Zuordnung |
|---|---|---|
| Umwelt (~15 Fragen) | Energieverbrauch, CO2-Emissionen, Abfallmengen, Wasserverbrauch, Umweltzertifikate | B3, B4, B6, B7 |
| Soziales (~17 Fragen) | Mitarbeiterzahl, Arbeitsunfälle, Weiterbildung, Diversität, Tarifbindung | B8, B9, B10 |
| Governance (~10 Fragen) | Verhaltenskodex, Anti-Korruption, Datenschutz, Nachhaltigkeitsstrategie | B2, B11 |
| Allgemein | Rechtsform, Umsatz, Standorte, NACE-Code | B1 |
Ergebnis: Mit einem VSME-Bericht habt ihr auf den Großteil der Fragen bereits eine Antwort.
Nicht perfekt deckungsgleich, aber als Basis ausreichend.
Die häufigsten Plattformen
Viele Großkunden nutzen externe Plattformen für ihre ESG-Abfragen.
Diese Plattformen aggregieren Daten und vergeben Scores.
| Plattform | Verbreitung | Kosten für euch |
|---|---|---|
| EcoVadis | 150.000 bewertete Unternehmen weltweit | Ab 1.109 EUR/Jahr |
| IntegrityNext | 2 Mio. Lieferanten | Kostenlos für Lieferanten |
| NQC/SAQ | Standard in der Automobilindustrie | Kostenlos für Lieferanten |
| CDP | 24.800 berichtende Unternehmen | Ab 2.825 EUR/Jahr |
| Sedex | 75.000 Mitglieder, Fokus ethischer Handel | Mitgliedsbeitrag |
IntegrityNext und NQC/SAQ sind für Lieferanten kostenlos. Bei EcoVadis und CDP zahlt ihr als bewertetes Unternehmen.
Prüft zuerst, welche Plattform euer Kunde nutzt.
So beantwortet ihr die Anfrage in 4 Schritten
Schritt 1: Ruhe bewahren, Frist prüfen (Tag 1)
Die meisten Fragebögen geben euch 30-60 Tage. Bestätigt dem Kunden den Eingang und den geplanten Rücksendetermin.
Fragt nach: Muss jede Frage beantwortet werden? Oder gibt es Pflichtfelder und optionale Felder?
Schritt 2: Daten sammeln (Tag 2-10)
Schickt drei E-Mails:
- An die Buchhaltung: Jahresabrechnungen für Strom, Gas, Wasser, Abfallentsorgung
- An HR: Mitarbeiterzahlen, Geschlechterverteilung, Schulungsstunden, Unfallstatistik
- An die Geschäftsführung: Gibt es einen Verhaltenskodex? Gab es Bußgelder oder Compliance-Verstöße?
Schritt 3: Fragebogen ausfüllen (Tag 10-20)
Geht den Fragebogen durch und ordnet jede Frage einer VSME-Offenlegung zu (B1-B11).
Wo ihr keine Daten habt: Ehrlich "nicht erhoben" angeben statt zu raten.
Kein Großkunde erwartet Perfektion – er erwartet Transparenz.
Schritt 4: VSME-Bericht als Fundament erstellen (parallel)
Nutzt die Datensammlung gleichzeitig für einen VSME-Bericht.
Zusatzaufwand: Minimal, weil ihr die Daten ohnehin zusammentragt.
Ergebnis: Bei der nächsten Anfrage schickt ihr den fertigen Bericht. Kein neuer Fragebogen, kein neuer Aufwand.
Euer rechtlicher Schutzschild
Seit dem EU-Omnibus-Paket (Dezember 2025) habt ihr ein starkes Argument.
CSRD-pflichtige Großunternehmen dürfen von Zulieferern unter 1.000 Mitarbeitern grundsätzlich nicht mehr als VSME-Datenpunkte verlangen.
Bei Zusatzanforderungen muss der Kunde begründen, warum er die Daten braucht. Und euch über euer Ablehnungsrecht informieren.
Das heißt: Euer VSME-Bericht ist nicht nur eine praktische Antwort. Er ist die regulatorische Obergrenze dessen, was man von euch fordern darf.
Was passiert, wenn ihr nicht antwortet?
Die Konsequenzen sind real.
- 34% der KMU, die keine ESG-Daten liefern, verlieren ihren Lieferantenstatus innerhalb von 12 Monaten
- 52% erleben sinkende Bestellvolumen
- Verlorenen Umsatz zu ersetzen dauert im Schnitt 18-24 Monate
Nicht antworten ist keine Option. Unvollständig antworten ist besser als gar nicht.
Checkliste: ESG-Anfrage beantworten
So arbeitet ihr eine ESG-Anfrage strukturiert ab:
- Eingang bestätigen, Frist notieren
- Klären: Welche Plattform? Welche Fragen sind Pflicht?
- Daten anfordern: Buchhaltung, HR, Geschäftsführung
- Fragebogen ausfüllen (ehrlich > perfekt)
- Parallel: VSME-Bericht erstellen (einmal investieren, dauerhaft nutzen)
- Absenden und Kopie archivieren
Die erste ESG-Anfrage fühlt sich an wie ein Prüfungstermin ohne Vorbereitung. Die zweite ist ein Copy-Paste aus eurem VSME-Bericht.
Investiert die Zeit jetzt – sie spart euch bei jeder weiteren Anfrage Tage.
Und nebenbei: Wer ESG-Daten proaktiv liefert, verhandelt aus einer Position der Stärke. Nicht als Lieferant, der unter Druck reagiert.
Weiterführende Artikel
Diese Artikel helfen euch bei der Umsetzung: