KI-Nutzung

Hochrisiko-KI: Betrifft das euer Unternehmen?

Die KI-Verordnung teilt KI-Systeme in Risikoklassen ein. Hochrisiko klingt bedrohlich – aber die meisten KMU-Tools fallen nicht darunter. Wann es ernst wird und was ihr dann tun müsst.

Das Wichtigste in 30 Sekunden:
  • ChatGPT, Copilot, DeepL & Co. sind kein Hochrisiko
  • Hochrisiko wird es, wenn KI Entscheidungen über Menschen trifft – Recruiting, Kreditvergabe, Personalbeurteilung
  • KMU als Betreiber müssen keine Konformitätsbewertung durchführen – das ist Sache des Anbieters
  • Pflichten für Betreiber: menschliche Aufsicht, Protokollierung, Information der Betroffenen
  • Frist: August 2026 (Verschiebung auf Ende 2027 wird diskutiert)

Eure KI-Tools sind wahrscheinlich kein Hochrisiko

Fangen wir mit der Entwarnung an.

Diese Tools nutzen viele KMU – und keines davon ist Hochrisiko:

Tool Risikoklasse Eure Pflicht
ChatGPT, Claude, Gemini Begrenztes Risiko Transparenz + KI-Kompetenz
Microsoft Copilot Begrenztes Risiko Transparenz + KI-Kompetenz
DeepL Minimales Risiko Keine besonderen Pflichten
KI-Bildgeneratoren (Midjourney, DALL-E) Begrenztes Risiko KI-generierte Bilder kennzeichnen
CRM mit KI (HubSpot, Salesforce) Minimales Risiko Keine besonderen Pflichten
KI-Buchhaltung (DATEV, lexoffice) Minimales Risiko Keine besonderen Pflichten

Begrenztes Risiko heißt: Transparenzpflicht.

Nutzer müssen wissen, dass KI im Spiel ist.

Zusätzlich braucht ihr KI-Kompetenz für eure Mitarbeiter.

Das bedeutet für euch: Ein Nachmittag für die Schulung – dann ist das Thema erledigt. Das habt ihr idealerweise schon abgehakt.

Mehr zur KI-Kompetenz-Pflicht
Mehr zur Transparenzpflicht

Wann wird KI zum Hochrisiko?

Die Faustregel: Sobald KI Entscheidungen über Menschen trifft.

Nicht über Produkte, nicht über Prozesse – über Menschen.

Das bedeutet für euch: Solange eure KI nur Vorschläge macht, gelten die Standardregeln. Trifft sie automatisch Entscheidungen über Bewerber, Kunden oder Mitarbeiter, greifen die Hochrisiko-Anforderungen.

Die KI-Verordnung (Verordnung (EU) 2024/1689, Anhang III) definiert acht Bereiche.

Für KMU sind vor allem drei relevant:

1. KI im Recruiting und Personalwesen

Der häufigste Hochrisiko-Fall für KMU.

Betroffen seid ihr, wenn KI:

  • Bewerbungen automatisch vorsortiert oder filtert
  • Kandidaten bewertet oder in eine Rangfolge bringt
  • Stellenanzeigen gezielt an bestimmte Personengruppen ausspielt
  • Mitarbeiter-Performance überwacht oder bewertet
  • Beförderungs- oder Kündigungsentscheidungen vorbereitet

Beispiel: Ihr nutzt ein KI-Tool in Personio, das Bewerbungen automatisch nach Eignung bewertet.

Es schlägt die besten 10 vor.

Das ist Hochrisiko (Art. 6 i.V.m. Anhang III Nr. 4a).

Das bedeutet für euch: Prüft, ob euer Recruiting-Tool nur formatiert oder ob es bewertet. Formatierung fällt unter minimales Risiko, Bewertung unter Hochrisiko.

Nicht Hochrisiko: Ihr nutzt ChatGPT, um eine Stellenanzeige zu formulieren.

Das ist ein Textgenerator, kein Entscheidungssystem.

2. KI bei Kreditentscheidungen

Relevant für Finanzdienstleister.

Aber auch für Handelsunternehmen mit Ratenzahlung oder Rechnungskauf:

  • KI bewertet die Kreditwürdigkeit von Personen
  • KI erstellt Kredit-Scores
  • KI entscheidet über Zahlungskonditionen basierend auf persönlichen Daten

Das bedeutet für euch: Verkaufst ihr auf Rechnung mit automatischer Bonitätsprüfung? Dann kläre mit eurem Payment-Anbieter, ob die Prüfung manuell oder KI-gestützt läuft. KI-gestützt = Hochrisiko.

Nicht Hochrisiko: KI zur Betrugserkennung bei Zahlungen.

Die ist explizit ausgenommen (Anhang III Nr. 5b).

3. KI bei Versicherung und biometrischen Systemen

Auch in diesen Bereichen gilt erhöhte Vorsicht:

  • Versicherung: KI zur Risikobewertung bei Lebens- oder Krankenversicherungen
  • Biometrie: Gesichtserkennung am Firmeneingang (Fingerabdruck-Verifizierung ist ausgenommen)

Alle 8 Hochrisiko-Bereiche im Überblick

Vollständigkeitshalber: Die KI-Verordnung definiert insgesamt acht Bereiche. Die meisten betreffen Behörden, Justiz oder kritische Infrastruktur – nicht den typischen Mittelständler.

Bereich Beispiele KMU-relevant?
Biometrie Gesichtserkennung, Emotionserkennung Selten
Kritische Infrastruktur Strom, Wasser, Verkehr Nur Stadtwerke/Versorger
Bildung Zulassung, Prüfungsbewertung Nur Bildungsanbieter
Beschäftigung Recruiting, Leistungsbewertung Ja
Wesentliche Dienste Kreditwürdigkeit, Versicherung Ja (Branche)
Strafverfolgung Risikobewertung, Profiling Nein
Migration/Grenzkontrolle Visa-Prüfung, Identifizierung Nein
Rechtspflege/Demokratie Justiz-KI, Wahlbeeinflussung Nein

Die Ausnahme: Wann Hochrisiko doch kein Hochrisiko ist

Art. 6 Abs. 3 enthält eine wichtige Ausnahme.

Ein KI-System aus Anhang III gilt nicht als Hochrisiko, wenn es:

  • Nur eine enge Teilaufgabe erledigt (z.B. Formatierung von Dokumenten)
  • Eine menschliche Entscheidung verbessert, aber nicht ersetzt
  • Nur Muster erkennt, ohne selbst Bewertungen abzugeben
  • Nur vorbereitende Arbeiten für eine menschliche Bewertung leistet

Beispiel: Ein KI-Tool sortiert Bewerbungen alphabetisch.

Es extrahiert Kontaktdaten aus Lebensläufen – ohne Bewertung.

Das wäre trotz Anhang III kein Hochrisiko.

Das bedeutet für euch: Fragt euren Tool-Anbieter, ob die KI nur formatiert oder ob sie bewertet. Die Grenze ist entscheidend – und der Anbieter muss die Ausnahme dokumentieren können.

Was müsst ihr als Betreiber tun?

Zentrale Entwarnung: Die Konformitätsbewertung ist Sache des Anbieters, nicht eure.

Ihr müsst kein CE-Zeichen beantragen.

Ihr müsst keine technische Dokumentation erstellen.

Der Anbieter eures KI-Tools ist dafür verantwortlich.

Das bedeutet für euch: Spart euch den Berater für die Konformitätsbewertung. Das ist nicht euer Job. Euer Job: Prüfen, ob der Anbieter seine Hausaufgaben gemacht hat.

Aber ihr habt eigene Pflichten als Betreiber (Art. 26):

Bestimmungsgemäße Nutzung

Setzt das KI-System so ein, wie der Anbieter es vorgesehen hat. Lest die Gebrauchsanweisung. Klingt banal – ist aber eine rechtliche Pflicht.

Menschliche Aufsicht

Mindestens eine Person im Unternehmen muss das System verstehen und dessen Entscheidungen überstimmen können. Diese Person braucht die nötige Kompetenz, Befugnis und Zeit dafür.

Protokollierung

Die automatisch erzeugten Protokolle des KI-Systems müsst ihr mindestens 6 Monate aufbewahren.

Betroffene informieren

Personen, über die das KI-System entscheidet, müssen das wissen. Beim Einsatz am Arbeitsplatz: Betriebsrat und betroffene Mitarbeiter vor der Inbetriebnahme informieren.

DSGVO-Folgenabschätzung

Vor dem Einsatz prüfen, ob eine Datenschutz-Folgenabschätzung nötig ist. Bei Hochrisiko-KI, die über Menschen entscheidet: fast immer ja.

Achtung: Wenn ihr ein KI-System wesentlich verändert oder unter eurem eigenen Namen vermarktet, werdet ihr selbst zum Anbieter – mit deutlich umfangreicheren Pflichten.
Mehr zur Anbieter-Rolle

Praxis-Beispiel: Müller GmbH prüft ihre KI-Systeme

Die Müller GmbH (25 Mitarbeiter, Maschinenbau) nutzt sechs KI-Systeme.

Geschäftsführerin Lisa Müller will wissen, ob Hochrisiko-KI dabei ist.

KI-System Einsatz Hochrisiko?
Microsoft Copilot E-Mails, Präsentationen Nein (Produktivitätstool)
ChatGPT Team Recherche, Textideen Nein (Textgenerator)
DeepL Pro Übersetzungen Nein (minimales Risiko)
HubSpot KI Lead-Scoring Nein (keine Entscheidung über Personen)
DATEV KI Buchhaltung Nein (keine Entscheidung über Personen)
Personio KI-Screening Bewerbungen vorsortieren Ja (Kat. 4a: Recruiting)

Ergebnis: Fünf von sechs Systemen sind unproblematisch.

Nur das KI-Screening in Personio ist Hochrisiko.

Für dieses System muss Lisa prüfen:

  • Hat Personio die Konformitätsbewertung durchgeführt? (CE-Kennzeichnung, Konformitätserklärung)
  • Wer im Unternehmen übernimmt die menschliche Aufsicht?
  • Werden die Protokolle gespeichert?
  • Wissen die Bewerber, dass KI an der Vorauswahl beteiligt ist?

Das bedeutet für euch: Ein Nachmittag Arbeit für die Prüfung. Die meiste Zeit geht für die Klärung mit Personio drauf. Die eigene Dokumentation ist überschaubar. Berater-Kosten gespart: 1.500-3.000 Euro für die externe Hochrisiko-Prüfung.

Fristen: Wann müsst ihr handeln?

Was Frist Status
KI-Kompetenz (Art. 4) Seit Februar 2025 Gilt jetzt
Verbotene KI-Praktiken (Art. 5) Seit Februar 2025 Gilt jetzt
Transparenzpflichten (Art. 50) August 2026 Kommt
Hochrisiko-KI (Anhang III) August 2026 Verschiebung diskutiert
Digital Omnibus: Die EU-Kommission hat im November 2025 vorgeschlagen, die Hochrisiko-Frist auf spätestens Dezember 2027 zu verschieben. Der Vorschlag liegt bei Parlament und Rat. Unser Rat: Bereitet euch auf August 2026 vor. Falls es verschoben wird – umso besser.

Bußgelder: Was riskiert ihr?

Verstoß Maximales Bußgeld
Hochrisiko-Pflichten nicht erfüllt 15 Mio. € oder 3% des Jahresumsatzes
Verbotene KI-Praktiken 35 Mio. € oder 7% des Jahresumsatzes
Falsche Angaben gegenüber Behörden 7,5 Mio. € oder 1% des Jahresumsatzes

Für KMU gilt immer der niedrigere Betrag. Bei 5 Mio. € Jahresumsatz wären das maximal 150.000 € für Hochrisiko-Verstöße. Trotzdem kein Betrag, den man gerne zahlt.

Checkliste: Hochrisiko-KI im Unternehmen

Falls ihr Hochrisiko-KI einsetzt, prüft diese Punkte:

  • KI-Inventar erstellt – alle KI-Systeme im Unternehmen erfasst
  • Risikoklasse für jedes System bestimmt (Hochrisiko ja/nein)
  • Bei Hochrisiko: CE-Kennzeichnung und Konformitätserklärung vom Anbieter geprüft
  • Menschliche Aufsicht benannt – Person mit Kompetenz und Befugnis
  • Gebrauchsanweisung des Anbieters gelesen und dokumentiert
  • Protokollierung eingerichtet (Aufbewahrung mind. 6 Monate)
  • Betroffene Personen informiert (Bewerber, Mitarbeiter)
  • Betriebsrat informiert (falls vorhanden)
  • DSGVO-Folgenabschätzung geprüft

Fazit

Erstellt ein KI-Inventar.

Das dauert 30 Minuten und gibt euch sofort Klarheit.

Für die meisten KMU wird das Ergebnis beruhigend sein: ChatGPT, Copilot und DeepL sind kein Hochrisiko.

Wird es bei einem System doch ernst (meist im Recruiting), sind die Betreiber-Pflichten überschaubar.

Menschliche Aufsicht, Protokollierung, Information.

Die aufwändige Konformitätsbewertung bleibt beim Anbieter.

Und nebenbei: Wer sein KI-Inventar sauber dokumentiert hat, spart sich bei der nächsten ISO-Zertifizierung oder beim Kunden-Audit den hektischen Aufbau einer Liste. Das Inventar ist schon da – und wirkt professionell.

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